Warum wählen?

Die StuPa-Wahlen sind vorbei und bald wird das alljährliche Postengekungel wieder in vollem Gange sein. Damit wollen wir uns an dieser Stelle aber nicht beschäftigen sondern uns vielmehr die Zeit nehmen, uns mit den Ursachen der äußerst niedrigen Wahlbeteiligung von 8,1% zu beschäftigen.

Niemanden scheint es zu geben, den diese geringe Zahl nicht empört oder verständnislos mit dem Kopf schütteln lässt und niemanden, der nicht die Hoffnung äußert, dies möge sich doch bei kommenden Wahlen ändern. Vorschläge, wie dieser Zustand zu beheben sei, sucht man allerdings vergeblich und höchstwahrscheinlich gibt es auch keine Patentlösung dafür, angesichts der Verschiedenheit der möglichen Ursachen. Aber was sind denn überhaupt die Ursachen? Oder zumindest eine der Ursachen?

Nur allzu leicht wird das Schlagwort „Politikverdrossenheit“ in die Runde geworfen und einiges spricht sogar dafür: Bei etwa 13.000 an der Universität eingeschriebenen Studenten sind die politisch Aktiven ein kleiner, überschaubarer Kreis, in dem Jeder Jeden kennt und die politisch zwar interessierten, aber nicht selber aktiven bilden ebenfalls längst keine Mehrheit. Es wäre jedoch zu einfach, 91,9% der Studenten an der BUW als politikverdrossen oder gar als politische Idioten abzustempeln.

Im Laufe einiger während der Wahlwoche geführten Diskussionen ergab sich, dass es neben jenen, die aus schlichter Unkenntnis und Uninformiertheit nicht wählen gingen, auch solche gab, die zwar politisch interessiert sind und außerhalb der Universität z.T. auch selber aktiv, die StuPa-Wahlen aber bewußt links liegen ließen, einerseits mit der Begründung, sie hätten keine Zeit gehabt, sich zu informieren, andererseits auch, weil sie das StuPa nicht ernst nahmen und seine Möglichkeiten als sehr gering einschätzten.

Grundlegende Veränderungen an der Hochschule werden tatsächlich nicht mit einem StuPa-Beschluss eingeleitet und 50% + eine Stimme im StuPa werden nicht die Studiengebühren kippen, was die Jusos aber nicht daran hinderte, die Studenten der BUW zu verhöhnen, indem sie auf Wahlplakaten vorgaukelten, die Studiengebühren abzuschaffen, sollten sie gewählt werden. Trotz alledem ist das StuPa jedoch eine Instanz, die man nicht vernachlässigen sollte, da sie als Tribüne dienen kann, auf der politische Positionen kommuniziert werden können. Mit folgendem Bild lässt es sich verdeutlichen: Das StuPa ist ein Misthaufen, dennoch sollte man sich von diesem Misthaufen nicht fernhalten, sondern sich wie ein Hahn auf diesen Misthaufen stellen, um gesehen zu werden.

Diese Ausführungen sollen nicht dazu dienen, die reflektierte Wahlenthaltung als Hauptursache für die geringe Wahlbeteiligung zu belegen sondern lediglich eine Ursache beleuchten, die sonst häufig unter den Tisch fällt. Tatsächlich dürfte schlichtes Desinteresse die Ursache gewesen sein, die den größten Ausschlag gegeben hat. Dabei handelt es sich leider auch nicht um ein reines Wuppertaler Problem, sondern lässt sich ebenfalls an anderen deutschen Unis beobachten, die ebenfalls nur Wahlbeteiligungen zwischen 7 und 15% aufzuweisen haben. An der Uni Dortmund fand dazu vor 10 Jahren eine Umfrage statt, deren Ergebnisse sich jedoch 1:1 auf die heutige Situation in Wuppertal übertragen lassen. Einige Beispiele:

„Ich hab´ nicht gewählt. Und zwar aus einer Mischung aus Unwissen und Faulheit“, so der Informatik-Student Mattias Stönemann ( 2. Semester). Er fühlt sich von den Listen schlecht informiert, hat aber auch kein echtes Interesse an der Wahl: „Die Infozeitung auf den Mensatischen, die hab´ ich mir nicht angeschaut.“

„Welche Wahl denn? Studentenparlament? Ich bin in der Woche nur zwei Tage an der Uni, da habe ich von der Wahl nichts mitbekommen.“ Doch auch sonst wäre die Dipl.-Pädagogin Marina Ehlig (4. Semester) wohl kaum zur Wahl gegangen, denn „der persönliche Bezug fehlt. Mein Interesse ist da nicht so groß.“

„Ich war nicht da. Irgendwie… eigentlich wollte ich ja wählen. Ich hab´ mir auch die Wahl-Zeitung angesehen und hatte mich schon entschieden. Aber dann kam ich nicht dazu.“ Trotzdem bezeichnet die Dipl.-Pädagogin Agnes Schattan (2. Semester) die StuPa-Wahl als wichtig.

Quelle: http://www.donews.de/oldstuff/wahlbeteiligung.html

Sehr aufschlußreich ist auch der Verlauf der Wahlbeteiligung an der Uni Mainz von 1948 bis 2000:

Jahr Wahlbeteiligung
1947 ca. 35%
1948 55,4%
1957 55,62%
1959 50,4%
1960 39,5%
1961 40,9%
1962 54,3%
1963 39,84%
1964 41,88%
1965 48,1%
1967 36,3%
1968 55%
1969 53,9 %
1970 52,3%
1973 42,5%
1974 44,7%
1974 35,33%
1976 38,66%
1977 36,74%
1978 32,92%
1980 28,6%
1981 33,2%
1982 21,7%
1983 25,23%
1984 24,13%
1986 26,80%
1987 22,23%
1992 17,70%
1997 11,5%
1998 7,6%
1999 8,75%
2000 9,2 %

Quelle: http://www.verwaltung.uni-mainz.de/archiv/html/st_wahle.htm

Nach Höchstwerten in den 50er, 60er und 70er Jahren ist ein deutlicher Einbruch in den 90er Jahren zu verzeichnen. Es ist zu vermuten, dass diese Statistik repräsentativ ist für die gesamte Hochschullandschaft der BRD und die Entpolitisierung der Hochschulen. Was also tun?
Eines steht fest: Eine Veränderung kann nicht isoliert in den Universitäten stattfinden, da die Entpolitisierung der Hochschulen nur Ausdruck einer allgemeinen Entpolitisierung ist. Sie muß aus der Gesellschaft selbst kommen und so verzweifelt die Lage in unserer Zeit auch sein mag, so sicher ist, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen ist.





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